Sprachwissenschaft studieren...

Who and/or what could be less glamorous than a pedantic old rule-happy grammarian? An English grammarian at that? The truth of matter is, however, that glamour and grammar are in origin one and the same word.
(W.V.O. Quine (1987) Quiddities, 199)

Grund 9: Grammatik - eine besondere Art des Rätsellösens

Viele kennen Grammatik nur aus quälenden Schulstunden, in denen einige Benennungen eingeführt wurden, deren Sinn nicht deutlich wurde und deren Logik fraglich war. Ein Adjektiv wurde z.B. als Wiewort erklärt, mit der Frage Wie ist etwas? Also: Wie hat sie die Flasche geöffnet? - Mit dem Korkenzieher/ damit/ irgendwie/ so/ indem sie ihre Zähne benutzt hat... Wie groß ist der Hund? - Er ist sehr groß. Alles, was wir hier eingesetzt haben, ist jedenfalls kein Adjektiv. Adjektive charakterisieren, was in seiner Art oder Identität schon durch ein Nomen bestimmt wurde (eifrige Lehrer), man fragt also nach der Eigenschaft oder Was für ein x ist das? Und kommt zu Ausdrücken wie eifrig, gut, schnell, witzig. Die stehen im Deutschen vor dem Nomen und sind in ihrer Form außenbestimmt (kleiner Junge, der kleine Junge; kleines Mädchen, ein kleines Mädchen, das kleine Mädchen). Viele kann man steigern (die schönste Grammatik), aber nicht alle (die schwangerste Frau).
Ansonsten kennen wir Grammatik als eine Art, Sprechern vorzuschreiben, wie sie reden sollen. Das alles sehen Sprachwissenschaftler nicht als ihre Aufgabe an.
Eine vernünftige Grammatik stellt den Zusammenhang von Form und Funktion (in der Kommunikation) dar. Was kann man mit Adjektiven tun und inwiefern erlaubt ihre Form dies?
Grammatische Phänomene zu verstehen und vor allem zu erklären, ist reizvoll. Woher wissen wir z.B. dass der Satz

Sie streicht das Haus rot.

so gemeint ist, dass die Außenwände am Ende (hoffentlich) rot sind? Wieviele Subjekte hat der Satz

Es kam ein Pferd herein.

Oder worin besteht die Mehrdeutigkeit des folgenden Satzes und wie ist sie grammatisch erklärbar:

Der Flüchtling kam sicher über die Grenze.

Unsere Rede ist immer an die Situation gebunden, in der wir sprechen. Sogar wer mit ich oder was mit hier gemeint ist, steht nicht fest:

In Emmendingen in Baden schrieb ein kleines Mädchen auf einen Zettel den Satz "Ich bin eine Hexe". Der Zettel flog durchs offene Fenster und blieb auf der Hauptstraße liegen. Dort fand ihn ein Mann, Johann Schießer, der ihn der Lehrerin Claudia Steiger auf den Mantel heftete. Die Lehrerin bemerkte den Zettel nicht eher, als bis sie zu Hause ihren Mantel auf den Kleiderhaken hängte. (n. Angelika Kratzer)

Hier ist es lauter als hier.

Das kleine Wörtchen auch beherrschen wir doch auch - oder? In der ZEIT (20.3.2002) konnte man die fette Überschrift lesen:

Der Tourismus kann auch in schlechten Zeiten Schönwetter machen.

Was besagt denn nun dieser Satz? Er kann ganz unterschiedlich gewichtet sein. Dafür haben wir mündlich den Akzent und folgende Möglichkeiten (die betonte Silbe ist fett markiert, Sie können sich die Sätze aber auch als Mp3-Datei anhören):

A: Der Tourismus kann auch in schlechten Zeiten Schönwetter machen.
B: Der Tourismus kann auch in schlechten Zeiten Schönwetter machen.

In beiden Fällen sorgt auch dafür, dass ein Gedanke, der schon da war oder mitgedacht werden kann, einbezogen wird. Im Fall A ist das der Gedanke 'x kann in schlechten Zeiten Schönwetter machen', wobei x z.B. die Landwirtschaft oder die Rüstungsindustrie sein könnte. Im Fall B wird der Gedanke 'Der Tourismus kann in Zeiten, die nicht schlecht sind, Schönwetter machen' herangezogen. Wir müssen also wissen, was auch bedeutet, wo die Hauptbetonung liegt oder liegen würde und der Gewichtungspunkt ist. Dem auch liegt eine bestimmte Einschätzung des Sprechers voraus, die sich auf die Vergleichbarkeit von zwei unterschiedlichen Sachverhalten erstreckt. Im Fall B sind es die schlechten Zeiten, denen gedanklich andere gegenübergestellt werden. Im Fall A ist es die Zuordnung zwischen Subjekt (der Tourismus) und Prädikat (kann....Schönwetter machen).
Sie sehen, das kleine Wörtchen auch leistet eine ganze Menge, wir müssen aber auch etwas von der sprachlichen Struktur verstehen, um eine Erklärung formulieren zu können. Darüber denken wir normalerweise gar nicht nach. Wir können es, wenn wir Deutsch können, aber verstehen wir es und wie würden wir es erklären? Was ändert sich, wenn wir eine andere Partikel einsetzen?

C: Der Tourismus kann doch in schlechten Zeiten Schönwetter machen.
D: Der Tourismus kann ja in schlechten Zeiten Schönwetter machen.
E: Der Tourismus kann halt in schlechten Zeiten Schönwetter machen.

Über solche Probleme also denken Grammatiker nächtelang nach. Sie erfreuen sich aber auch am Blick auf die Sprachen der Welt.

Aufgabe:
Das Pocomchi wird in Guatemala gesprochen. Hier sind Beispiele aus dieser Sprache. Sie können die Wörter in kleinere bedeutungstragende Einheiten zerlegen, also versuchen herauszufinden, was in dieser Sprache 'uns', 'ich', 'euch' usw. entspricht:

qoril 'er sieht uns' tiqil 'wir sehen euch'
kiril 'er sieht sie' kiqil 'wir sehen sie'
tiwil 'ich sehe euch' qokil 'sie sehen uns'
kiwil 'ich sehe sie' tikil 'sie sehen euch'

Übersetzen Sie doch mal 'er sieht euch' ins Pocomchi! Lösungen der Aufgaben finden Sie hier.

Der folgende Witz beruht darauf, dass der erste Satz unterschiedlich aufzubauen ist:

Policeman Excuse me, Sir, your dog's been chasing a man on a bicycle.
Man Ridiculous, constable, my dog can't ride a bicycle.

Zur Grammatik gehört auch die Wortbildung. Auf die bezieht sich der folgende Linguistenwitz:

Ein Igel trifft einen Wolfshund. "Was bist du denn für ein Tier?" "Ein Wolfshund." - "Ein Wolfshund?" - "Ja, mein Vater war ein Wolf, meine Mutter eine Hündin." "Ach so", sagte der Igel und ging weiter. Dann traf er ein anderes Tier: "Was bist du denn für einer?" - "Ich bin ein Ameisenbär." Der Igel überlegte eine Weile. Dann sagte er: "Das glaub ich dir nicht."

Eine umfassende wissenschaftliche Grammatik, die erstmals wirklich funktional angelegt ist und auch z.B. die Grammatik des Gesprächs behandelt, ist

G. Zifonun/L. Hoffmann/B. Strecker (1997) Grammatik der deutschen Sprache. Berlin/New York: de Gruyter

Eine neuere Grammatik, die eine funktionale Grundleguing für das Deutsche bietet ist:

L. Hoffmann (2016³) Grundlagen für Lehrerausbildung, Schule, Deutsch als Zweitsprache und Deutsch als Fremdsprache. Berlin: Erich Schmidt

Empfehlenswert im Netz ist die Internetgrammatik GRAMMIS des Instituts für Deutsche Sprache Mannheim. Mehr zum Deutschen gibts hier, zu den deutschen Wortarten hier und hier:

L. Hoffmann (Hg.) (2007/2009) Handbuch der deutschen Wortarten. Berlin/New York: de Gruyter

Über Grammatik erfährt man viel durch den Vergleich von Sprachen. Betrachten Sie doch mal Englisch durch die deutsche Brille. Eine gute und angenehm lesbare Führung bietet Judith Macheiner (2001) Englische Grüße. Frankfurt: Eichborn Verlag.

I was walking across campus with a friend and we came upon half a dozen theoretical linguists committing unprovoked physical assault on a defenseless prescriptivist. My friend was shocked. She said: "Aren't you going to help?"
I said, "No; six should be enough."  (Geoffrey Pullum posted this joke)

 

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