Kleines ABC:  Migration & Mehrsprachigkeit

  

Migration

...in Deutschland

Migration (lateinisch migrare, 'wandern', migratio 'Wanderung') bezeichnet den 'dauerhaften Wechsel des Lebensorts' - aus ökonomischen Gründen, für eine Partnerschaft, um Problemen im eigenen Land zu entgehen (Verfolgung), die Einwanderer nennt man Migranten. Menschen, die ihr Land verlassen, weil sie dort (politisch, religiös etc.) verfolgt werden oder eine Verfolgung fürchten müssen, sind Flüchtlinge.

"Forscher schätzen, dass seit 1995 innerhalb von jeweils fünf Jahren etwa 0,6 Prozent der Weltbevölkerung in ein anderes Land wandern. Wie weit sie ziehen, unterscheidet sich je nach Region erheblich." (SPON 28.3.14)
Migration kann auch ein Ortswechsel innerhalb eines Landes sein, aber meist wird das Wort verwendet zur Bezeichnung einer Auswanderung, um in einem anderen Land zu leben. Solche Wanderung kann erzwungen sein (Flucht vor Unterdrückung, Verfolgung, Hungersnot, Emigration in ein sicheres Exil), sie kann auch wirtschaftlich (Arbeit finden, Karriere im Ausland) bedingt sein.
Interessant ist, dass der Audruck im Gebrauch verengt wurde und in der Diskusssion meist den Zustand nach einer Wanderungsbewegung anspricht. Die Wanderung selbst ist selten gemeint.

Aus der Wanderung Einzelner können Wanderungsbewegungen Vieler werden. Völkerwanderungen hat es in der Menschheitsgeschichte öfter gegeben, z. B. der Einfall der wenig zivilisierten germanischen Langobarden in Italien. Heute veranlasst das wirtschaftliche Gefälle zwischen Regionen der Welt viele Menschen zur Migration.
Die Zeitspanne von drei Generationen ist nach allem, was wir wissen, kritisch für die komplette Übernahme der neuen Sprache und die Ununterscheidbarkeit in der sozialen Wahrnehmung von den in der Aufnahmegesellschaft länger verankerten Menschen. Das ist kein Naturgesetz, die Prozesse können sich auch länger hinziehen, Einwanderergruppen können stark und erfolgreich auf einer partiellen Autonomie beharren.
In den USA - einem klassischen "Einwanderungsland" - sind 1950-1995 22.8 Mill. zugewandert, in Deutschland 8.6 Mill., Indien 6 Millionen, Frankreich 4.4 Mill. Der Anteil von Ausländern an der Bevölkerung Deutschlands betrug 2006 8,2% (6.751.002 Personen), 9.1% der Beschäftigten waren Ausländer (2004).
Inzwischen wird die Sprachregelung "Deutschland ist kein Einwanderungsland" so nicht mehr politisch verwendet, allenfalls wird ein "klassisches" eingeschieben. Die Integrationsdiskussion hat seit etwa 2005 an Fahrt gewonnen.

Immigration bezeichnet die 'Einwanderung in ein Land', Emigration die 'Auswanderung', Remigration die 'Rückwanderung in das Land, aus dem man ursprünglich gekommen ist.

Man spricht von Menschen mit Migrationshintergrund, wenn sie selbst oder ihre Eltern oder Großeltern aus einem anderen Land, in dem die Familie gelebt hat, eingewandert sind.

Einige Daten aus dem Bundesamt für Statistik (2014)

"Im Jahr 2014 lebten rund 10,9 Millionen Zuwanderer in Deutschland. Zu dieser Gruppe zählen alle Migrantinnen und Migranten, die sich seit 1950 in Deutsch­land nieder­gelassen haben. Im Vergleich zum Jahr 2011 hat ihre Zahl um rund eine Million zugenommen (+ 11 %). Besonders deutlich war der Zuwachs zwischen 2011 und 2014 bei Zuwanderern aus der Europäischen Union (+ 620 000 oder 18 %). Hier ist vor allem die Zahl der Migrantinnen und Migranten aus Polen (+ 179 000 oder + 17 %) und Rumänien (+ 109 000 oder + 29 %) stark gestiegen. Prozentual die größte Zunahme gab es innerhalb der EU bei Zuwanderern aus Bulgarien (+ 53 000 oder + 79 %) und Ungarn (+ 53 000 oder 52 %). Die Familien­zusammen­führung war für die seit 1960 Zugewanderten der wichtigste Migrations­grund (37 %). Auf Platz zwei folgte die Aufnahme einer Beschäftigung (18 %). Seit dem Ausbruch der Finanz­krise haben sich die Zuwanderungs­motive deutlich verschoben: Der wichtigste Grund für seit 2008 Zugewanderte war eine Beschäftigung (28 %). Mehr als die Hälfte von ihnen (57 %) hatte bei der Einreise bereits einen Job in Deutsch­land."

Ergebnisse von 2008 zeigen: Erwerbstätige mit Migrationshintergrund sind doppelt so häufig als Arbeiterinnen und Arbeiter tätig wie Erwerbstätige ohne Migrationshintergrund (48,5% gegenüber 24%), Angestellte und Beamte sind unter ihnen entsprechend selten vertreten. Erwerbstätige mit Migrationshintergrund üben ihre Tätigkeit vor allem im Produzierenden Gewerbe sowie im Handel und Gastgewerbe aus. Hier sind zusammen 64% aller Menschen mit Migrationshintergrund tätig, aber nur 50% der Menschen ohne Migrationshintergrund." (http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Presse/pm/2007/05/PD07__183__12521.psml, 31.3.2008)

Migration ist gut für Deutschland. Migration bringt Geld.
"Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), die im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung erstellt wurde. Laut der Studie zahlte im Jahre 2012 jeder in Deutschland lebende Ausländer beziehungsweise jede Ausländerin durchschnittlich 3.300 Euro mehr an Steuern und Sozialabgaben, als er oder sie an staatlichen oder Sozialversicherungsleistungen erhielt. Dieser Saldo ist seit dem Jahre 2004 angestiegen, damals betrug er nur 2.000 Euro." (taz)
Andererseits: Hier werden Menschen im Geldwert gemessen, "Je besser qualifiziert die Zuwanderer, desto höher ihr Beitrag zur Finanzierung der öffentlichen Kassen" (ZEW/ Holger Bonin lt. tagesschau). Vgl. auch die Seite der Stiftung mit Texten und Grafiken.

In der Migration verändern sich die mitgebrachten Sprachen. So etwa das Deutschlandtürkische im Vergleich zum Türkeitürkischen, das Deutsche in den USA im Vergleich zum Standard. Meist wird das von der Ursprungsgesellschaft negativ bewertet – dafür gibt es aber keinen Grund. Sprachen entwickeln sich stets weiter, zumal in neuen Umgebungen.

Literaturhinweise:
K. J. Bade et al. (Hg.) (2007) Enzyklopädie der Migration. Paderborn: Schöningh
M. Bommes/W. Schiffauer (Hg.)(2006) Migrationsreport 2006. Frankfurt: Campus
K. Brizić (2007) Das geheime Leben der Sprachen. Münster: Waxmann
C. Butterwegge/G. Hentges 2006) Z(uwanderung im Zeichen der Globalisierung. Migrations-, Integrations- und Minderheitenpoliti. Wiesbaden: VS Verlag
P. Han (2006) Theorien zur internationalen Migration. Stuttgart: UTB
I . Ostwald (2007) Migrationssoziologie. Stuttgart: UTB
L. Pries (2001) Internationale Migration. Bielefeld: transcript
L. Pries (2007) Die Transnationalisierung der sozialen Welt. Sozialräume jenseits von Nationalgesellschaften. Frankfurt: Suhrkamp

Besprechung des Buches "Multikultideutsch" von Uwe Hinrichs (2013)

Expertendatenbank Migration

 

 

2011: (gut) 50 Jahre Migration in Deutschland

Die gegenwärtige Migration in Deutschland - es gab andere Migrationsbewegungen in der Vergangenheit, z.B. die polnische Migration ins Ruhrgebiet im 19. Jahrhundert (bes. ab 1880) - blickt auf 50 (oder wenn man will 56) Jahre Geschichte zurück.
Anfang der 50er Jahre fehlten vor allem in der Landwirtschaft Arbeitskräfte. 1954 stieß der damalige Wirtschaftsminister Erhard entsprechende Verhandlungen mit Italien an. 1955 gab es zwar noch viele Arbeitslose, aber die Zahl der offenen Stellen stieg stark an. Am 20. Dezember 1955 wurde in Rom eine Vereinbarung über die Anwerbung und Vermittlung von italienischen Arbeitskräften unterzeichnet. Unterschrieben haben der Bundesarbeitsminister Storch, der deutsche Botschafter von Brentano und der italienische Außenminister Martino. 1960 folgten weitere Vereinbarungen mit Spanien und Griechenland, 1961 mit der Türkei, 1963 mit Marokko, 1964 mit Portugal und 1965 mit Tunesien, 1968 mit Jugoslawien. Im August 1961 wurde die Berliner Mauer gebaut, die u.a. den Übertritt von Arbeitskräften in den Westen verhindern sollte. Zwischen 1955 und 2005 sind 33 Millionen eingewandert; zugleich haben aber über 20 Millionen Menschen Deutschland verlassen. 1964 wurde der millionste "Gastarbeiter" - wie es damals hieß - begrüßt.
Migration war als vorübergehender Aufenthalt ("Gastarbeiter") gedacht, Deutschland sollte kein Einwanderungsland  - wie etwa die USA - sein. Das war eine jahrzehntelang gehegte Illusion. Lange blieben Bemühungen um Integration oder Inklusion mehr oder minder aus. Etwa seit den 80er Jahren gibt es ausländerfeindliche Tendenzen, durchaus befördert von Medien und Politik. Besonders nach 1990 kam es zu erheblichen Gewalttaten.

In den Jahren ab 2000 verstärkten sich die Bemühungen um Integration und Inklusion - auch im Bildungsbereich - endlich und trotz mancher Rückschläge (aufgrund populistischer Äußerungen im Wahlkampf oder von Autoren wie Sarrazin) ist heute vorsichtiger Optimismus möglich.

Y. Ekinci/L. Hoffmann/K. Leimbrink/L. Selmani (Hg.)(2013) Migration Mehrsprachigkeit Bildung. Tübingen: Stauffenburg

P. Han (2012) Soziologie der Migration: Erklärungsmodelle, Fakten, Politische Konsequenzen, Perspektiven. Stuttgart: UTB
L. Oltmer (2012) Globale Migration: Geschichte und Gegenwart. München: Beck

> Wanderungsstatistik des Bundesamtes

> Audioarchiv Erzählte Migrationsgeschichte

> Migazin (befasst sich mit Migrationsfragen, gibt Presseüberblicke etc.)

> Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (Jahresgutachten etc.)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Deutsche Kultur ...
Prominente Deutsche mit 'Zuwanderungsgeschichte':

Ludwig van Beethoven (Mechelen, Brabant, heute Belgien)

Adelbert von Chamisso (Schloss Boncourt bei Ante, Frankreich)
(hieß eigentlich Louis Charles Adélaïde de Chamissot de Boncourt)

Albrecht Dürer (Ajtós, Ungarn) (Ajtós 'Tür' > Thürer > Dürer)

 

 

Migration weltweit. Quelle: Atlas der Globalisierung (2009), 16

 

Rücküberweisungen von Migranten weltweit
(= Entwicklungshilfe) Atlas der Globalisierung (2009), 17

 

 

 

 

"Die Vereinten Nationen haben im Jahr 2000 den 18. Dezember zum Internationalen Tag der Migranten ausgerufen. Zehn Jahre zuvor, am 18. Dezember 1990, hatte die UN-Vollversammlung die Internationale Konvention zum Schutz der Rechte aller Wanderarbeitnehmer und ihrer Familienangehörigen angenommen. Darin heißt es in Artikel 8, dass es Migranten freisteht, "jeden Staat einschließlich ihres Herkunftsstaats zu verlassen." Dieses Recht wird durch einige Ausnahmen - etwa wenn die nationale Sicherheit oder die öffentliche Gesundheit bedroht ist - eingeschränkt. Bislang ratifizierten nur 15 Staaten die Konvention. Deutschland gehört nicht dazu. Rund 200 Millionen Menschen gelten nach UN-Angaben als Migranten. Die Zahl stieg im vergangenen Jahrzehnt jährlich um sechs Millionen und nimmt schneller zu als das Wachstum der Weltbevölkerung." (Tagesschau.de)

 

 

 

 

„Man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kamen Menschen.“ (Max Frisch)