Kleines ABC:  Migration & Mehrsprachigkeit

Funktionale Pragmatik und Diskursanalyse                      
                                                                                           

Die Funktionale Pragmatik ist eine handlungsbezogene Sprachauffassung. Sie entstand in den 70er Jahren – begründet durch Konrad Ehlich und Jochen Rehbein – mit Institutionsanalysen und einer Theorie sprachlicher Handlungsmuster, in der die Kategorie Zweck zentral stand. Zweck-Mittelverhältnisse wurden auch elementar im Bereich kleinster funktionaler Einheiten, den Prozeduren (Ehlich), aufgesucht . Den Rahmen bildet ein kooperativer Austausch zwischen Sprechern und Hörern. Der Ansatz verband sich mit eine Analyse der involvierten Wissensstrukturen, wie sie die Konversationsanalyse (etwa in der Schegloff-Version) ausschloss.

Im Rahmen der Funktionalen Pragmatik bot der Anschluss an die Felderlehre Bühlers (Ehlich 2007a) die Möglichkeit, eine funktionale Grammatik für Einzelsprachen und den Sprachvergleich zu formulieren (Hoffmann 2003, 2016³). Die Analyse bezog systematisch Hörer, mentale und Verstehensprozesse ein, die auch die grammatische Perspektive bestimmten. Ihre Perspektive war eine interaktionale, die zugleich die Bestimmtheit durch institutionelle Bedingungen (Schule, Medizin und Therapie, Gericht, Politik etc.) systematisch berücksichtigte.
Sprachtheoretisch wird in der Funktionalen Pragmatik unterschieden zwischen
• der sprachlich fassbaren Wirklichkeit und der externen Realität (latein. res ‚Ding, Sache, Ereignis‘ im allgemeinen Sinn): der Bereich P;
• den mentalen Prozessen, Verarbeitungsweisen und Zuständen (Gedanken, Verstehen, Bewerten, Erinnern, Planen, Wissen über Sprache, Emotionen etc.), die den sprachlichen Austausch der Aktanten fundieren: der mentale Bereich Π (vgl. Rehbein 2017);
• dem Prozess der Formulierung (als Formgebung) von Äußerungen mit den sprachlich-grammatischen Mitteln der Einzelsprachen: der Äußerungsbereich p.

Interaktanten bewegen sich in einem in seiner Grundstruktur gesellschaftlich, in einer kommunikativen Welt gegebenen Handlungsmuster, solange sie den ihm inhärenten Zweck faktisch realisieren wollen, etwa wenn es gilt, ein Wissensdefizit mit Frage und Antwort und unter Ausgleich der Wissensbestände von Sprecher und Hörer interaktiv zu beheben.

Jedem Muster entspricht ein Musterwissen, das früh erworben und in der Kommunikation angewendet wird. Sprecher wissen, was sie tun, d. h. welche Zwecke ihr Handeln in der laufenden Kooperation realisieren soll und welche Erwartungen ein Muster ihrem Handeln auferlegt. Institutionell erfährt das Musterwissen eine entsprechende Ausdifferenzierung (Wissen professionell Handelnder gegenüber Laienwissen). Muster setzen an einer Konstellation als einem Möglichkeitsraum (Beteiligte, Erwartungen, Vorgeschichte, Anschlussmöglichkeiten etc.) an. Es sind keine starren Größen, sie werden mit bestimmten Charakteristika (z. B. Interrogativum, steigende Tonhöhe, Exklamativakzent etc.) realisiert. Sie folgen im Aufbau keinem starren Schema, das komplett immer in der gleichen Folge erscheinen müsste, sie werden öfter auch nur angedeutet. Ein Diskursmuster ist eine komplexere Einheit des Diskurses, in der sprachliche Handlungen verkettet sind (ohne Sprecherwechsel) oder sequentiell alternieren (mit Sprecherwechsel) (vgl. Ehlich 2007a, S. 37).
Der Diskurs ist durch gemeinsame Anwesenheit, geteilte Wahrnehmung und Mündlichkeit gekennzeichnet ist, Bedingungen, die sich auch auf die Verwendung sprachlicher Mittel und damit die Grammatik auswirken (Hoffmann 2018). Gegenstück zum Diskursmuster ist das Textmuster als komplexe textuelle Einheit, in der sprachliche Handlungen verkettet sind.
Texte sind Äußerungen, die aus der Sprechsituation abgelöst sind und durch ihre Repräsentation mit einem Träger, der zur Dauerhaftigkeit beiträgt, Überlieferungsqualität und Überbrückung von Zeit und Raum bieten (vgl. Ehlich 2007b, S. 483-621, Zifonun/Hoffmann/Strecker 1997, S. 249ff.). Überliefert wird der Text in fester Formgestalt, die außerhalb der Entstehungskonstellation rezipiert und verstanden werden muss, was sprachliche Explizitheit (Orientierung am Standard) und Komplexität (komplexe Sätze und Einbettungen, appositive Konstruktionen etc.) voraussetzt, während Implizitheit, Ellipse bzw. Empraxis zurückgedrängt sind.

Literatur

Ehlich, Konrad (Hg.): Sprache und sprachliches Handeln. Bd. 1-3. Berlin 2007
Ehlich, Konrad: Funktionale Pragmatik – Terme, Themen und Methoden. In: Konrad Ehlich (Hg.): Sprache und sprachliches Handeln. Bd. 1. Berlin 2007a, 29-52.
Ehlich, Konrad: Alltägliches Erzählen. In: Konrad Ehlich (Hg.): Sprache und sprachliches Handeln. Bd. 3. Berlin 2007b, S. 371-395.
Ehlich, Konrad/Rehbein, Jochen: Halbinterpretative Arbeitstranskriptionen (HIAT). In: Linguistische Berichte 45, 1976, 21-41.
Ehlich, Konrad/Rehbein, Jochen: (1980) Kommunikation in Institutionen. In: Hans-Peter Althaus/Helmut Henne/Herbert Ernst Wiegand (Hg.) Lexikon der germanistischen Linguistik. Bd. II. Tübingen 1980, S. 338-346
Hoffmann, Ludger: Funktionale Syntax. Prinzipien und Prozeduren. In: Ludger Hoffmann (Hg.): Funktionale Syntax. Berlin/New York 2003, S. 18-121
Hoffmann, Ludger/Gabriele Graefen (2010) Pragmatik. In: H.J. Krumm/Chr. Fandrych/B. Hufeisen/C. Riemer (Hg.) (2010) Deutsch als Fremd- und Zweitsprache. HSK 35.1. Berlin/New York: de Gruyter, 255-265
Hoffmann, Ludger: Kommunikative Welten: das Potenzial menschlicher Sprache. In: Ludger Hoffmann/Kerstin Leimbrink/Uta Quasthoff (Hg.): Die Matrix der menschlichen Entwicklung. Berlin/Boston 2011, S. 165-210.
Hoffmann, Ludger: Deutsche Grammatik. Grundlagen für Lehrerausbildung, Schule, Deutsch als Zweitsprache und Deutsch als Fremdsprache. Berlin 2016³.
Hoffmann, Ludger: Grammatik und gesprochene Sprache im Diskurs. (im Druck)
Redder, Angelika: Grammatiktheorie und sprachliches Handeln, Tübingen 1990
Redder, Angelika (Hg.): Diskursanalysen in praktischer Absicht. OBST 49, 1994
Rehbein, Jochen: Komplexes Handeln. Stuttgart 1977 Rehbein, Jochen: Biographisches Erzählen. In: Eberhard Lämmert (Hg.) Erzählforschung. Ein Symposion. Stuttgart 1982, S. 51-74.
Rehbein, Jochen: Zum Verhältnis von Grammatik und P-Bereich. In: Yüksel Ekinci/Elke Montanari/Lirim Selmani (Hg.): Grammatik und Variation. Heidelberg 2017, S. 13-37.
Zifonun, Gisela/Hoffmann, Ludger/Strecker, Bruno et al.: Grammatik der deutschen Sprache. Berlin/New York 1997.

Transkriptbände

Redder, Angelika (Hg.)(1982) Schulstunden I. Transkripte. Tübingen 1982
Redder, Angelika/Ehlich, Konrad (Hg.): Gesprochene Sprache, Tübingen 1994

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